Mehr Innovationen für die Energiewende – aber von wem?

Das Bundeswirtschaftsministerium hat am 3. Juli die Weichen für die nächste Stufe der Energiewende gestellt. Zukünftig sollen etablierte und noch völlig unbekannte Technologien die Transformation hin zu einem nachhaltigen Energiesystem unterstützen. Das ist eine besondere Chance für Startups, wenn es gelingt die heute sehr hohen Markteintrittsbarrieren weiter abzubauen.

Nächstes Kapitel der Energiewende

Das nun veröffentlichte Weißbuch Strommarkt ist das Mission Statement für die Energiepolitik der nächsten Jahre. Hinter hochkomplexen Begriffen wie Energy-only-Markt, Kapazitätsreserve und Residuallast versteckt sich eine am Ende doch einfache Entscheidung zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Das Energiesystem steht durch die Energiewende vor einer gigantischen Herausforderung: In ein Stromnetz muss stets genau so viel Strom eingespeist werden, wie gerade entnommen wird.Ansonsten droht der Blackout. Der Verbrauch schwankt aber ständig und ist nur bedingt prognostizierbar. Mit den Erneuerbaren Energien beginnt nun auch die Einspeisung teilweise heftig zu schwanken – je nach Sonneneinstrahlung und Windverhältnissen. Die Netzbetreiber müssen trotzdem zu jeder Sekunde Einspeisung und Verbrauch im Gleichgewicht halten.

Kapazitätsmarkt oder Strommarkt 2.0?

Es gibt zwei Möglichkeiten mit diesen Herausforderungen umzugehen. Entweder der alte fossile Kraftwerkspark wird neben dem System der Erneuerbaren konserviert. Er springt stets ein, wenn die Erneuerbaren schwächeln, auch wenn einige fossile Kraftwerke dann nur wenige Stunden im Jahr laufen. Für dieses Sich-Bereit-Halten bekommen die fossilen Kraftwerksbetreiber eine Subvention („Kapazitätsmarkt“). Oder aber die Flexibilität des gesamten Energiesystems wird drastisch erhöht. Die Stromverbräuche müssten sich auf die volatile, aber irgendwann auch sehr günstige erneuerbare Energie zubewegen, Speicher die Zeiten schwacher Einspeisung überbrücken und flexible Kraftwerke sich am Markt bei nur wenigen Stunden Laufzeit im Jahr durch kurzzeitig sehr hohe Strompreise refinanzieren („Strommarkt 2.0“).

Ein Kapazitätsmarkt hat den Vorteil, dass die Verbrauchsseite des Stroms wie heute komplett unflexibel bleiben könnte. Eine Interaktion zwischen Verbrauchern und Energiesystem wäre nicht nötig. Es ist das heute gewohnte Versorgungsniveau garantiert. Der Nachteil besteht darin, dass hierzu de facto das gesamte Energiesystem der Vergangenheit neben dem erneuerbaren Energiesystem der Zukunft erhalten werden müsste. Dies geschähe auf Kosten der Stromkunden. Sie müssten die Erneuerbaren subventionieren und die alten Kohlemeiler, die nur wenige Stunden im Jahr liefen, aber das ganze Jahr für das Bereithalten von Leistung bezahlt werden wollten. Neue Technologien hätten gegen die abbezahlten und nun auch noch subventionierten fossilen Kraftwerke auf dem Markt keine Chance.

Der Strommarkt 2.0 hat den Vorteil, dass auf ihm alle möglichen Optionen zur Integration von Erneuerbaren gleichberechtigt gegeneinander antreten können. Wer sagt, dass Betriebe nicht bereit sind Stromverbräuche in Stunden niedriger Preise zu verschieben? Dank eines Überangebots an Erneuerbaren ist der Großhandelspreis für Strom in sonnenreichen Stunden heute nahe Null. In einem funktionierenden Markt mit entsprechenden Knappheitssignalen kann auch davon ausgegangen werden, dass sich Kraftwerke selbst dann rechnen, wenn sie nur wenige Stunden im Jahr zum Einsatz kommen. Auch Speicher – die heute preislich noch weit vom Massenmarkt entfernt sind – könnten hier Nischen für ihre weitere Erprobung finden. Der Nachteil des Strommarkts 2.0 ist, dass er ein hohes Maß an Interaktion voraussetzt, die Politik verleitet sein könnte bei Preisspitzen am Markt regulatorisch einzugreifen und rein theoretisch Angebot und Nachfrage auch einmal nicht deckungsgleich sein könnten.

Flexibilität durch ITK

Mit dem Weißbuch Strommarkt hat sich die Politik jetzt für den Strommarkt 2.0 entschieden. Verschiedene Formen der Flexibilität bei Erzeugung, Verbrauch und Speicherung sollen auf einem gemeinsamen Markt gegeneinander antreten. Wer sich am Markt nicht refinanzieren kann, muss aus dem Rennen ausscheiden. Dies birgt enorme Potenziale für junge Unternehmen der ITK-Branche. Wer sich im Energiesystem wie weit auf wen zubewegen kann, ist nämlich noch weitegehend unbekannt. Klar ist: Es wird der Einsatz von IT für Predictive Analytics, Optimierung und Steuerung benötigt. Vor allem aber braucht es Ideen. Da sind Startups oft schneller als große Konzerne. Einziger Knackpunkt: Die Teilnahme am Energiesystem und seinen Zahlungsströmen ist heute noch unglaublich kompliziert. Startups verfangen sich schnell in einem regulatorischen Gestrüpp und Regeln, die einst für ganz andere Situationen gemacht wurden, heute aber neue Geschäftsmodell ausbremsen. Der Bitkom ist zurzeit im Dialog mit dem BMWi, wie es jungen Unternehmen mit guten technischen Lösungen einfacher gemacht werden kann am Energiesystem teilzunehmen. Denn nur wenn es gelingt, die frischen, neuen Ideen in die Energienetze zu tragen, werden wir die notwendigen Innovationen für die Energiewende sehen, die wir so dringendbenötigen. Das Internet macht im Bereich der Informationen seit 20 Jahren vor, wie es geht. Der Energiewende würde solch ein Innovationsschub ebenfalls gut tun.

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