Digital Health sorgt für mehr Lebensqualität

Die Digitalisierung revolutioniert die Art, wie wir leben, arbeiten und wirtschaften. Und sie kann auch eine Revolution für die Medizin und das Gesundheitswesen bedeuten. Digital Health bietet große Chancen: vom Monitoring, über die Prävention und Diagnose bis zur Patient-Arzt-Beziehung und der Behandlung von Krankheiten. Wer diese Chancen nicht nutzt, nimmt bewusst in Kauf, dass Gesunde nicht optimal versorgt werden, dass Erkrankte nicht bestmöglich behandelt werden und dass chronisch Kranke nicht so selbstbestimmt leben und ihre Beschwerden nicht so gelindert werden, wie es denkbar ist. Das sehen auch Experten der Gesundheitsbranche so. In einer Bitkom-Umfrage haben jeweils zwei Drittel der Top-Manager von Pharmaunternehmen betont, digitale Technologien werden die Prävention verbessern und die Lebenserwartung der Menschen verlängern. 80 Prozent sind sicher, dass digitale Technologien entscheidend dabei sein werden, Krankheiten wie Krebs zu besiegen.

Es geht bei der Digitalisierung der Medizin nicht darum, einer Selbstmedikation der Bürger das Wort zu reden, die sich eine App auf ihr Smartphone laden, statt einen Arzt aufzusuchen. Es geht um die technologische Unterstützung von ärztlicher Diagnose und Therapie, bei der Startups ganz vorne mit dabei sind.  So kooperiert ein Berliner Hörtechnologie-Startup mit der Charité, um neue Produkte vom Smartphone-Hörtest bis zur individuell angepassten Hörunterstützung wissenschaftlich zu validieren. Ein Hamburger Startup hat bereits eine Tinnitus-App als Medizinprodukt auf den Markt gebracht, die von einer ersten Krankenkasse bezahlt wird. Dabei geht es gerade nicht darum, den Arztbesuch zu ersetzen, die Ausstellung des notwendigen Rezepts setzt die Konsultation eines HNO-Arztes voraus und der Patient wird von der App sogar an Kontrollbesuche erinnert. Und in Kooperation mit einer Krankenkasse erprobt ein Lübecker Startup Video-Sprechstunden im Praxisalltag, andere entwickeln gleich eine digitale Patientenakte.

In jedem dieser Fälle wird es jemanden geben, der solche Veränderungen nicht will, weil er von den manchmal recht angestaubten Prozessen im deutschen Gesundheitswesen sehr gut lebt. Politik und Selbstverwaltung dürfen diesen Besitzstandswahrern nicht auf den Leim gehen. Wer versucht, das Gesundheitswesen vor der Digitalisierung abzuschotten, wird scheitern. Wer versucht, die Veränderungen zur Bewahrung seines Geschäftsmodells hinauszuzögern, wird am Ende mit leeren Händen dastehen. Das neue E-Health-Gesetz zeigt, dass es auch hierzulande in die richtige Richtung gehen kann. Aber alle Beteiligten müssen noch mutiger werden. Es ist wichtig, dass digitale Anwendungen und Hilfsmittel geprüft und nach den üblichen Regeln zugelassen werden. Das ist im Interesse von Patienten und Beitragszahlern ebenso wie im Sinne der Unternehmen, die bei der Versorgung von kranken Menschen eine große Verantwortung übernehmen. Die Zulassungsprozesse müssen aber an das Tempo digitaler Entwicklungen angepasst werden.

Es ist notwendig, die richtige Balance zwischen Sicherheit und Innovation zu finden. Noch wird Deutschland im Ausland für sein Gesundheitswesen ebenso bewundert wie zum Beispiel für seine Stärke im Maschinenbau oder der Automobilindustrie. Aber ebenso wie sich diese Industriebranchen verändern müssen, indem sie etwa auf die vernetzte Produktion setzen oder selbstfahrende Autos entwickeln, muss sich auch unser Gesundheitssystem weiterentwickeln. Ansonsten besteht die Gefahr, dass andere uns abhängen. In London ist gerade die Initiative Digitalhealth an den Start gegangen, die die Stadt zur weltweiten Metropole für die Entwicklung digitaler Gesundheitsprodukte machen will. Es liegt im Interesse aller Beteiligten, dass diese Technologien hierzulande entwickelt und erprobt werden und dass die Versicherten in Deutschland davon profitieren können. Es geht nicht darum, mit Apps den Arzt zu ersetzen oder allein Kosten zu sparen – es geht um mehr Lebensqualität und Gesundheit für die Menschen!

Dieser Beitrag ist zuerst in der April-Ausgabe des AOK-Magazins G+G (Gesundheit und Gesellschaft) erschienen. 

No Comments

Sorry, the comment form is closed at this time.