Daten sind der neue Treibstoff

“Old meets new Economy” — Unter diesem Motto werden in der fünften Ausgabe des Berliner Magazins The Hundert fünfzig erfolgreiche Kooperationen zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups präsentiert. Darunter finden sich auch einige Get Started-Mitglieder. Wir freuen uns, die Texte aus dem aktuellen Heft an dieser Stelle veröffentlichen zu dürfen.

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Maxim Nohroudi ist Mitgründer und CEO von ally, wo er sich den geschäftlichen Aufgaben widmet. Maxim ist Ökonom und hat in Harvard sowie am MIT und der WHU studiert. Vor seiner Startup-Karriere war er der jüngste Vizepräsident an einer deutschen Universität. Und wenn er das Büro nicht gerade mit 80er-Musik beschallt, kümmert sich Maxim bei ally um Product, HR und Investor Relations.

Das Jahr 1886: In New York wird die Freiheitsstatue enthüllt. Coca-Cola kommt auf den Markt. Maggi auch. Oskar Kokoschka wird geboren. König Ludwig II. von Bayern stirbt. Und Menschen nutzen Kutschen zur Fortbewegung. So sieht Mobilität am Ende des 19. JahrHUNDERTs aus.
Januar 1886: Früh morgens spaziert Carl Benz zum Patentamt und meldet den „Benz Patent-Motorwagen Nummer 1“ an: Dieser Tag wird die Welt verändern. Er wird Mobilität revolutionieren. Und er wird das Fundament für einen Weltkonzern legen.

DAS AUTOMOBIL ENTSTEHT

In der Öffentlichkeit erntet Benz Spott. Der „Wagen ohne Pferde“ wird belächelt. Selbst zwei Jahrzehnte später verkennen deutsche Eliten das Potenzial. „Das Auto hat keine Zukunft. Ich setze auf das Pferd“, sagt Kaiser Wilhelm II. 1904 bei einer Testfahrt.

20 Jahre sind nun vergangen seit AOL das Internet in die deutschen Haushalte brachte. Und wie damals Kaiser Wilhelm ist auch heute vielen nicht bewusst, was gerade passiert. Stichwort #neuland. Viele Chancen bleiben aktuell ungenutzt. Aus Angst oder Unverständnis oder Hochmut – oder allen drei. Das erlebe ich täglich.

Ein Beispiel: 20. Februar 2014. Ich war Zuhörer einer Diskussion. Topentscheider aus Industrie, Politik und Gewerkschaften saßen auf dem Podium. Facebook hatte den Kauf von Whatsapp für 19 Milliarden US-Dollar bekannt gegeben. Einhellige Reaktion vor Ort: Hochmut und Unverständnis. Doch keiner stellte Fragen, vor allem nicht sich selbst: Warum kauft Facebook Whatsapp? Was mag die Strategie sein? Nein. Zuckerberg wurde als Narr skizziert. Unsere Elite war sich einig: Das Geschäftsmodell Deutschland funktioniert tadellos. Wir machen das hier alles viel besser. Diese Haltung hat mich zutiefst erschreckt. Wo bleibt die Neugier? Der Drang etwas verstehen zu wollen?

DATEN VERÄNDERN DIE INDUSTRIE

Disruptiver Wandel ist allgegenwärtig. In den 1990er-Jahren ein Musikalbum von Madonna zu kaufen, ging mit vielen Einschränkungen einher: Wo ist der nächste CD-Laden? Wann hat er geöffnet? Ist das Album auf Lager? Heute sind Alben immer und überall erwerb- und abrufbar. Gleiches gilt für E-Commerce, E-Books und Film-Streaming.

Der Transportindustrie steht jene Disruption kurz bevor. Unsere Vision ist es, Fortbewegung so zu nutzen, wie man heute Spotify, Netflix und Airbnb nutzt: stets verfügbar – immer und überall. Sharing Economy und Data-Crowdsourcing werden die Treiber sein. Der zukünftige Wert liegt nicht mehr im Asset, dem Auto oder Bus, sondern in den Daten, die das Asset optimieren und navigieren. Daten werden die Transportindustrie auf den Kopf stellen. Genauso wie der Verbrennungsmotor vor 100 Jahren.

Wie immer gibt es jene, die Chancen nutzen, und andere, deren Skepsis vorschnell laut wird. Jene, die angreifen, weil sie Neues ausprobieren wollen und nichts zu verlieren haben. Und jene, die in der Defensive sind und alte Geschäftsmodelle verteidigen müssen.

Das ist kein neues Phänomen. Zurück ins Jahr 1886: Die großen Kutschenhersteller versorgten die Bürger mit Mobilitätsprodukten – wie das heute BMW, Daimler und VW machen. Jene Kutschenhersteller hatten damals die große Chance, die nächste Generation von Mobilität zu gestalten: von der Kutsche hin zum Automobil. Wie viele der 100 Kutschenhersteller haben diesen Übergang gemeistert? Fast keiner. Nur die Firma Karmann aus Osnabrück, mittlerweile insolvent.

Die Geschichte wiederholt sich. Wir haben uns von den Kutschen zum Automobil entwickelt. Die nächste Etappe ist data-driven mobility. Mobilität ohne Daten-Einbindung ist wie eine Kutsche ohne Gespann: Es gilt, in Zukunft nicht auf das falsche Pferd zu setzen und die digitale Revolution zu begrüßen – denn sie nimmt volle Fahrt auf.

von Maxim Nohroudi

Die gesamte Ausgabe “The Hundert – Old meets new Economy, Nummer 05″ sowie die vergangenen Ausgaben gibt es hier zum Download.

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