„Wir müssen nicht im Wettbewerb gegen BMW, Adidas oder Microsoft bestehen“ – Wie sehen Berliner Gründer ihre Stadt?

Berlin: Regierungssitz, Anziehungspunkt für Künstler und Kreative und einer der besten Orte in Deutschland, um ein Startup an den Start zu bringen? Unter Gründern genießt die Hauptstadt laut Bitkom-Umfrage den besten Ruf: knapp drei Viertel (73 Prozent) der deutschen Gründer empfehlen Berlin und sind überzeugt, dies sei der günstigste Ort für Startups.

Was macht die Stadt so attraktiv und wie sehen Berliner Gründer ihre Metropole? Wir haben mit Patrick Bunk, CEO von uberMetrics, gesprochen:

Patrick Bunk uberMetrics

Patrick Bunk – Gründer & CEO von uberMetrics

Schön, dass du Zeit gefunden hast.  Stellt euch kurz vor: Wie kam es zur Gründung von uberMetrics und was ist eure Idee?

Wir haben uns 2011 als GmbH gegründet. Und zwar von Anfang an mit einem bestimmten Ziel: Wir haben bemerkt, dass bei vielen Unternehmen der Wunsch vorhanden ist, für sie relevante Details aus den unterschiedlichsten Quellen herausfiltern zu können. Also  aus Quellen wie Facebook, Twitter bis hin zu Blogs und klassischen Online-Nachrichtenmedien. Die Unternehmen wollen wissen, wenn etwas für sie persönlich Relevantes irgendwo erscheint: Wenn einer der Zulieferer ein Problem hat, sollten sie das auf dem Schirm haben. Wenn einer ihrer Kunden eine neue Lösung sucht, um sich langfristig in einem speziellen Markt zu halten, dann müssten sie das natürlich wissen.

Genau das ist die Technologie, an der wir bauen. Unser Ziel ist es, alle weltweit öffentlich verfügbaren Informationsströme zu identifizieren und herauszufinden, was dort für unsere Unternehmen relevant ist, um ihnen diese relevanten Details letztendlich liefern zu können.

Wie war das bei dir: Bist du 2011 aufgewacht und hast dir gedacht, „Jetzt gründe ich ein Startup“? Was war deine Motivation hinter diesem Schritt?

Ein bisschen komplizierter war das schon bei mir. Ich bin eigentlich Volkswirt und habe mich sehr lange damit beschäftigt makroökonomische Variablen zu analysieren und zu verstehen. Ich habe mich beispielsweise also gefragt: Woher kommt das Wirtschaftswachstum?

Wie viele habe ich mir dazu Aktienmarktdaten angeschaut und festgestellt, dass es unglaubliche viele und gute Daten zu Preisen gibt. Ich weiß auf den Tag genau, was beispielsweise Kohle vor drei Jahren gekostet hat. Das ist gar kein Problem. Aber was, wenn ich wissen möchte, was an dem Tag passiert ist? Welche Informationen sind an diesem Tag vor drei Jahren des erste Mal öffentlich geworden, die diesen Preis erklären? Da stellte ich fest, dass es dazu gar keine Daten gibt. Dafür muss man in ein Archiv gehen und Zeitung lesen.

Das war für mich kein Weg, der langfristig hilfreich sein kann. Mein persönliches Problem mit den fehlenden Daten hat dazu geführt, dass ich gesagt habe: „Das muss doch möglich sein. Das müssen wir machen.“

Eine Umfrage des Bitkom zeigt, das Berlin den besten Ruf als Gründerstadt besitzt. Siehst du das auch so? Warum ist es bei euch Berlin geworden?

Ja, ich sehe das auch so. Berlin hat definitiv den besten Ruf. Ich habe selbst aber ein etwas verzerrtes Bild davon. Einige meiner Mitgründer und ich kommen selbst aus Berlin. Das heißt, bei uns stand das nie zur Diskussion. Für uns war es eher überraschend, wie stark sich die Startup-Landschaft in den letzten Jahren entwickelt hat. Damit hatten wir selber gar nicht gerechnet. Wir haben Berlin immer nur als Stadt wahrgenommen, in der wir gerne leben wollen. Wir waren einfach da.

Was macht Berlin denn besonders attraktiv? Ist die kreative Szene in Berlin besonders inspirierend?

Was wir hier in Berlin haben, sind unglaublich viele Studenten. Und diese Studenten wollen hier leben. Das Interessante ist nun:  Die Großkonzerne haben in Berlin gar keine Arbeitsplätze für alle Studenten. Für uns Startups ist das super. Wir müssen nicht im Wettbewerb gegen BMW, Adidas oder Microsoft bestehen. Sondern wir müssen nur gegen andere Startups bestehen, weil es hier nicht viele andere Jobs in der Digitalindustrie gibt.
Es ist ein klarer Vorteil, dass wir unglaubliche viele Leute haben, die nach ihrem abgeschlossenen Studium hier leben wollen. Gleichzeitig ist es in Berlin im Vergleich zu anderen Städten immer noch sehr günstig. Auch wenn die Preise steigen, sind die Kosten im Verhältnis zu internationalen Ständen wie London oder New York geradezu lachhaft.

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Wo steht Berlin denn im internationalen Vergleich? Ist Deutschland schon vorn dabei in Bezug auf die Startup-Szene oder ist da noch Luft da oben?

Da ist noch sehr viel Luft nach oben. Obwohl ich sagen muss: Berlin hat einen gewissen Flair. Man muss sich nur die Gründer von Soundcloud anschauen. Sie haben für sich den amerikanischen Markt als Hauptmarkt definiert und sind trotzdem in eine kulturell geprägte Stadt wie Berlin gegangen. Sie haben sich gesagt, dass man nur ernst genommen wird im Bereich elektronischer Musik bzw. im Musikbereich allgemein, wenn man in eine Stadt wie Berlin geht mit seiner Techno-Kultur und von dort aus den amerikanischen Markt erobert.

Es ist insofern schon so, dass Berlin für bestimmte Dinge einfach steht: Beispielsweise Musik und Kultur. Ermöglicht wurde das seit der Nachwendezeit vor allem dadurch, dass Berlin extrem günstig war und viele Künstler es sich leisten konnten, hier zu leben. In anderen Städten wie London oder Paris  wäre dies nicht so einfach.

Was sind denn die großen Herausforderungen bei eurer Gründung gewesen? Was war besonders schwierig?

Für uns Gründer ist natürlich eines das dominante Thema: Sind wir in der Lage, genügend Kapital aufzustellen, um unsere Software bzw. unsere Technologie überhaupt so weit zu entwickeln, dass wir die ersten Kunden damit gewinnen können? Da hatten wir aber ehrlich gesagt nur wenige Probleme. Alles lief dort ziemlich gut.

Wenn ich ein Problem benennen müsste, dann wäre es die Eröffnung eines Kontos. Zu dem Zeitpunkt, als wir die Finanzierung schon gesichert haben, war es trotzdem nicht einfach ein Konto zu eröffnen. Da sind wir bei mehreren Banken hintereinander gescheitert. Wir kamen sprichwörtlich mit einem Check über einer halben Million und uns wurde gesagt: „ Sie könnten ja Pleite gehen in dem Zeitraum zwischen der Kontoeröffnung und den ersten Kontoführungsgebühren. Dann würden wir 15 Euro verlieren. Das ist zu riskant“.
Eine Kreditkarte zu bekommen ist als junges Unternehmen ebenso schwierig. Man befindet sich hier in einer absurden Situation: Man hat die Investoren schon überzeugt und besitzt das Geld, möchte es ausgeben und schlussendlich kann man doch nur per privater Kreditkarte kaufen.

Was wäre deine Empfehlung für alle zukünftigen Gründer?

Nummer eins: sich nicht verängstigen lassen, einfach machen. Erfahrungsgemäß sind 99% der wirklich deprimierenden Dinge, die man im Laufe eines Arbeitstages erlebt, dann doch gar nicht so schlimm. Man braucht einfach ein dickes Fell. Erfahrungsgemäß sind die Sachen nie so schlimm wie sie klingen.

Nummer zwei: Liquidität ist unglaublich wichtig für Startups. Das heißt, man sollte jederzeit in der Lage sein seine Verbindlichkeiten erfüllen zu können. Das kommt beim Startup immer gern zu kurz, weil es wirklich nervige Arbeit ist. Aber da muss es irgendjemanden im Team geben dem man zu 100 Prozent vertraut und der sich darum kümmern kann.

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